Mit Schwarmintelligenz zum Ziel, Oktober 2020

von 25. Nov 2020

Flieger-Event 2020

Nachdem ich kürzlich erfolgreich die Ausbildung zum UL-Pilot absolviert hatte, bot sich die Möglichkeit fliegerische Erfahrung mit einer Reihe toller Menschen zu sammeln. Andreas und Jean organisieren regelmäßig mehrtägige Ausflüge im In- und Ausland, um Piloten die Chance zu geben, ihr fliegerisches Know-How auszubauen, voneinander zu lernen, neue Orte kennenzulernen, die vielleicht alleine zu schwer zu erfliegen wären und vor allen Dingen eine tolle gemeinsame Zeit zu verbringen. Als ich von der Möglichkeit am monatlichen Fliegerstammtisch erfuhr, war ich hin und weg. 

Aufgrund der aktuellen pandemischen Lage und damit einhergehenden Reisebeschränkungen waren wir auf die Bundesrepublik beschränkt und auch in der Auswahl der Bundesländer gab es Besonderheiten. Nachdem der Rat der ältesten *äähm* erfahrensten 2 Tage vor Abflug die Meinung der Meteorologen studiert hatte, ergab sich folgender Plan: Ostdeutschland schien gut fliegbar! 

Die Stationen dieses erlebnisreichen Ausflugs:

Tag 1: Bad Wörishofen – über Bayreuth nach Gera

In einem Geschwader aus fünf Flugzeugen bereiteten wir die Flugzeuge vor, führten eine Flugbesprechung durch und anschließend die obligatorische Vorflugkontrolle. Nachdem sich alle Flugzeuge, von Oscar 1 bis Oscar 5 auf der internen Frequenz startklar gemeldet hatten, konnten wir filmreif abheben und waren schnell in Formation.

Der erste Knotenpunkt war die Münchener Innenstadt, die bei nur leichter Bewölkung eine schöne Sicht in alle Richtungen zuließ. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie schnell man Millionen von Menschen in der Luft passieren kann, während man zu Fuß Stunden braucht, um die Stadt zu durchqueren. Nach München drehten wir Richtung Passau. Das topografische Charakteristikum in Passau ist die farbenfrohe Mündung von Inn, Donau und Ilz – einfach nur spektakulär! Entlang des Oberpfälzer Waldes führte uns unsere Route nach Bayreuth zur Zwischenlandung. Etwa 10 Minuten vor Ankunft lösten wir planmäßig die Formation auf und reihten uns individuell in die Platzrunde zur Landung ein. Leider wurde vielerorts in Zeiten der Pandemie auch das gastronomische Angebot an Flughäfen auf ein Minimum runtergefahren, sodass wir vergebens einen Kaffee suchten. So setzen wir kurzerhand schnell zum Weiterflug auf unseren letzten Streckenabschnitt des ersten Tages an – Destination: Gera. Leider musste uns dort ein Besatzungsmitglied aus medizinischen Gründen verlassen, sodass wir von 12 Leuten (1 Viersitzer, 4 Zweisitzer) auf 11 dezimiert wurden. Der erste Tag wurde bei einer hervorragenden abendlichen Pizza ausklingen gelassen. Beim Einschlafen freuten wir uns schon auf das Abenteuer des kommenden Tages.

Tag 2: Gera – über Rügen nach Stralsund

Nach einem leckeren Frühstücksbuffet trafen wir uns um 9 Uhr zur Lagebesprechung in der Hotellobby. Zunächst wurde die meteorologische Lage eruiert und entsprechend eine sinnvolle und interessante Route geplant. Schnell war klar, dass u.a. Berlin ein toller Knotenpunkt für den Flug nach Stralsund sein könnte. Da ich selber in Berlin wohne, war die Vorfreude riesig.

Mit dem Taxi ging es darauf zum Flugplatz, wo gewissenhaft die Flieger abflugbereit gemacht wurden. Nach dem Start drehte die Formation Richtung Dresden. Je näher wir der Stadt aus der Luft kamen, desto größer wurde die Gänsehaut. Als 1990er Baujahr hatte ich über Dresden und seine Geschichte nur aus Dokumentationen erfahren. Nun in friedlicher Mission die Chance zu haben die Stadt aus der Luft zu erkunden fühlte sich an wie ein unglaubliches Privileg. Dieser Überflug konnte nur noch durch einen weiteren getoppt werden: unsere Bundeshauptstadt! 

Erstaunlicherweise fiel deutlich auf, dass der östliche Teil der Bundesrepublik im VAusflug 2020ergleich zum Westen viel weniger dicht besiedelt ist. Auch die Felder unterscheiden sich: Im Osten sind sie größer und zusammenhängender als im Westen. Das Tolle am gemeinsamen Flug in der Formation hier der Austausch über die gemeinsame Frequenz. Eine Frage wird gestellt und es gibt immer mindestens eine Person, die mit interessantem Wissen oder einer Anekdote aufwarten kann. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes Schwarmintelligenz!

Die Sicht ließ war zwar nicht perfekt, um schon lange vorher die Peripherie am Horizont, doch irgendwann war er dann unverkennbar in Sichtweite, der Berliner Fernsehturm. 

Da der Berliner Luftraum kontrolliert ist, wurde die Formation über den Südosten der Stadt Richtung Zentrum geleitet. Da unser Regierungsbezirk in Berlin-Mitte Sperrzone ist, drehten wir über dem leerstehenden Tempelhofer Flugfeld Richtung Westen, um südlich des Ku’damms in Richtung Teufelsberg zu fliegen. Auf Höhe des Flughafen Tegels drehten wir auf nördlichen Kurs und überflogen den Flughafen. Anschließend kam es zu meinem persönlichen Highlight des Ausflugs: 

Wir drehten in den Gegenflugabschnitt der Landebahn und wurden vom Lotsen gestattet, über einen in den Quer- und schließlich Endanflug einen Anflug auf TXL zu machen. In Formation überflogen wir die Start-/Landebahn wie die ganz großen. Nach dem Überflug bedankten wir uns herzlich beim Lotsten (der in Zeiten von Corona scheinbar chronisch unterfordert zu sein schien) und verließen die Frequenz. Knappe 6 Wochen später wurde Tegel nun endgültig geschlossen und durch den nun endlich fertig gestellten neuen Flughafen BER ersetzt. Umso mehr wird dieser letzte Überflug in Erinnerung bleiben.

Schließlich drehten wir auf Kurs Rügen, wo wir zwischenlandeten. Glücklicherweise wurden wir dort mit einem Kaffee versorgt und führten eine kurze Lagebesprechung durch. Die benachbarten Kreidefelsen laden zwar zum Überflug geradezu ein, jedoch ließ die Wetterlage nur noch einen direkten Überflug zum 5 Flugminuten entfernten Flugplatz Stralsund zu. Nachdem alle Flugzeuge in Parkposition für die Nacht festgezurrt waren, ging es zum Hotel. Da es noch am späten Nachmittag war, lud die Stadt für einen gemeinsamen Bummel ein und wir strandeten an einem Fischkutter mit feinsten Fischgerichten. Ein Fischbrötchen mit Bier später waren wir nun wirklich alle gedanklich in Stralsund gelandet. An der Promenade erbot sich noch spontan die Möglichkeit, die Gorch Fock zu besichtigen, was die unendlich wissensdurstige Truppe sogleich wahrnahm. Der Abend wurde bei feinsten Fisch-Delikatessen im Restaurant und endlos Seemanns *ähhh* Fliegergarn ausgeklungen.

Tag 3: Stralsund – über Müritz, Haßfurt/Schweinfurt nach Bad Wörishofen

Leider war beim dritten morgendlichen Wetterbriefing klar, dass der Westen nach wie vor nicht fliegbar war und selbst eine direkte Rückkehr nach Bad Wörishofen infrage stand. Unser Plan war es, so weit wie möglich zu kommen. Ab Stralsund landeten wir im Müritzer Airpark, wo wir dem versehentlichen Erwerb von Grundstücken nur knapp entgehen konnten. Wer sich ein Bunker artiges Haus, mit Auto und Flugzeug in der Garage mit direkter Anbindung zum Runway wünscht, wird im Airpark Müritz schnell fündig! 

Im Anschluss begann die fliegerisch anspruchsvollste Erfahrung, bei der wir jungen Piloten sicher am meisten von der alten Hasen lernen konnten. Was für die einen pauschal “nicht fliegbar” schien, war für Piloten mit viel Erfahrung nur eine Frage von guter meteorologischer Beobachtung und Feingefühl. Und tatsächlich: Wir schafften es, uns sicher durch einen Sichtflug-Korridor zu manövrieren und in Haßfurt Schweinfurt unsere letzte Zwischenlandung für einen Kaffee durchzuführen. Der Flug über den Thüringer Wald war beeindruckend und anspruchsvoll zugleich, zumal das in südlicher Richtung ansteigende Gelände zeitweilig schnell “entgegenkam”. In Bad Wörishofen überflogen wir noch ein letztes Mal in Formation den Flugplatz, bevor wir diese auflösten und uns individuell in die Platzrunde zur Landung einreihten. Nachdem alle gelandet waren und  die Flieger verstaut waren ließen wir den tollen Trip gemeinsam im Restaurant ausklingen, bevor jeder wieder seinen Weg ging. 

 

Mal schauen, wohin es uns beim nächsten Mal verschlägt – The Sky is the Limit!

Am Boden der Tatsachen angekommen war die Erfahrung in vielen Dimensionen bereichernd: Sowohl fliegerisch, also auch menschlich und nicht zuletzt kulturell habe ich einiges gelernt und blicke auf unvergessliche Überflüge und tolle Momente zurück. Ich freue mich schon auf das nächste Abenteuer!

 

Autor: Marius W., 30 Jahre aus Berlin, UL Pilot

 

Bildergalerie Fliegerevent 2020

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